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KHSU
Die dritte Mauer
von Lothar Müller

Die Walpurgisnacht rückt langsam näher, Birkenpollen schwirren durch die Luft und durchqueren dabei viele Sprachen. Unweit vom Kottbusser Tor flucht ein junger Türke aus dem Autofenster heraus gegen den Stau an, ein älteres Paar aus Russland sucht den Eingang zur U-Bahn, Spanier falten Falk-Pläne, und ein Amerikaner erklärt einer kleinen Gruppe junger Landsleute die Geschichte Kreuzbergs. Auf dem kleinen, baumüberschatteten Spielplatz, einer stillen Oase direkt neben dem Lärm der Adalbertstraße, stillt eine junge Frau ihr Kind. Unbeachtet steht ein Schild in der Nähe und will Besucher ins nahe „Friedrichshain-Kreuzberg-Museum“ locken. Es ist ein Schild mit einer seltsamen Aufschrift: „Die dritte Mauer und der letzte Held 1968/2968“. Pünktlich zum 1. Mai hat das Museum eine Sonderausstellung des amerikanischen Künstlers Scott Holmquist eröffnet. Er ist 1961 geboren, im Jahr des Mauerbaus, und da wird ein wenig Betonstaub über den Atlantik geweht sein, und als er sieben Jahre alt war, 1968, müssen revolutionäre Pollen aus Berlin hinterhergeweht sein. Jedenfalls erfuhr er „als Betonarbeiter in Minnesota erstmalig von den Möglichkeiten der Rebellion“, studierte dann marxistische Ökonomie in Schweden, hat als reifer Künstler dem Aufstand von Cannabis-Züchtern in Nord-Kalifornien gegen die US-Regierung Denkmäler in Form von Kunstbüchern gesetzt, ist dann über den Atlantik gefahren und tief in die revolutionäre Seele Kreuzbergs eingetaucht. An der Museumswand hängt die Flagge, die er dabei geschwenkt hat: die geballte Faust darauf ist von Cannabis-Sträuchern umgeben und geht auf die „Cieciorka-Fahne“ des Aktivisten, Landschaftsmalers und Cannabis-Züchters Frank Cieciorka zurück. Aber dieses Mitbringsel gehört zur Spezies der ausgetrockneten, nur noch schwach wirksamen Drogen. Frappierend aber ist, worauf der ehemalige Betonarbeiter beim Hinabtauchen in die revolutionäre Seele Kreuzbergs gestoßen ist: auf die Idee der dritten Mauer, eingebettet in die Vision eines tausendjährigen Reichs. Den Stadtplan der Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg in der dritten Etage des Museums, der normalerweise mit einer akustischen „Oral-History“- Installation verknüpft ist, hat der Betonarbeiter ins Jahr 2968 gebeamt, dabei alle Straßennamen getilgt und mit einer roten Linie umgeben. Diese „Dritte Mauer“, erfährt man, sei „eine Maßnahme des Selbstschutzes der restlichen Gesellschaft gegen die unkalkulierbaren und unkontrollierbaren Prozesse in dieser Selbstverwaltungszone, in der es die Freiheit gibt, die es sonst nirgendwo mehr geben soll“. Ungestört arbeitet hinter der Dritten Mauer die revolutionäre Selbstverwaltung an der Neubenennung der gelöschten Namen für Straßen, Monumente, Gedenkorte. Der Betonarbeiter aus Amerika hat die ultimative Utopie der revolutionären Seele Kreuzbergs verwirklicht: ummauert sein, abgeschottet von der Welt, mit sich selbst und dem eigenen Archiv allein, Herrin über alle Namen im Tausendjährigen Reich.

  Süddeutsche Zeitung 02.05.2014

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